Demokratie lebt von einer starken Opposition.
Sechs Fragen an Ulla Lötzer
26.10.2009 – Interview auf www.linksfraktion.de
41 der 76 Abgeordneten, die DIE LINKE im 17. Bundestag stellt,
üben ihr Mandat bereits seit 2005 oder länger aus. Woran können sie
anknüpfen? Wie wollen sie ihre Arbeit fortsetzen? Was wollen sie anders
machen? linksfraktion.de fragt nach.
Welche Erfahrung, welches Ergebnis oder Ereignis hat Sie in den
zurückliegenden vier Jahren besonders darin bestärkt, dass sich Ihre
Arbeit lohnt?
Vor unserem Wiedereinzug in den Bundestag war soziale Gerechtigkeit ein
Ladenhüter. Durch unsere Opposition ist sie wieder Thema geworden, auf
das sich alle beziehen mussten - ob bei Hartz IV, dem Mindestlohn oder
öffentlichen Zukunftsinvestitionen. Das reicht noch nicht, ist aber ein
Anfang für einen Politikwechsel.
Neue Wahlperiode, alte Kanzlerin: Mit welchen Erwartungen gehen Sie als Abgeordnete in die kommenden vier Jahre?
Natürlich ist zu befürchten, dass Schwarz-Gelb mit neoliberalen
Konzepten von gestern die Krisenfolgen auf die Beschäftigten und
Arbeitslosen abwälzen wird. Umso mehr wird es auf unsere Opposition und
den Zusammenschluss mit außerparlamentarischen Bewegungen ankommen, um
das zu verhindern.
Was wollen Sie im Bundestag anders oder besser machen als bisher?
Für mich als linke Wirtschaftspolitikerin heißt es jetzt, dass wir
unsere Alternativen einer demokratischen und solidarischen Wirtschaft
weiter fortschreiben und stärker in den Mittelpunkt rücken müssen. Die
Krise ist noch lange nicht vorbei, die Beschäftigten werden die Folgen
noch hart zu spüren bekommen. Deshalb brauchen wir eine aktive
Industriepolitik, die den sozialen und ökologischen Wandel vorantreibt
und so Arbeitsplätze sichert und zukunftsfähig ausbaut. Hier will ich
einen Schwerpunkt meiner Arbeit in der nächsten Wahlperiode setzen.
DIE LINKE ist jetzt mit 76 Abgeordneten im Bundestag vertreten – 23
mehr als bislang. Was wird sich in der neuen Fraktion und für Sie als
eines ihrer Mitglieder verändern?
Ich freue mich schon darauf, dass wir in einem größeren Team arbeiten
können. Als kleinere Fraktion leiden wir ja darunter, dass wir manche
Themenbereiche gar nicht intensiv bearbeiten können, weil uns die
Kapazitäten dafür fehlen. Zum Beispiel hatten wir im
Wirtschaftsausschuss in der letzten Legislaturperiode drei Abgeordnete.
Zum Vergleich: SPD und CDU hatten jeweils 13 Sitze. Jetzt werden wir zu
viert sein. Das heißt, wir haben mehr Kraft, unsere linken
wirtschaftspolitischen Alternativen zu entwickeln und zu vertreten.
Warum ist Opposition nicht Mist?
Demokratie lebt von einer starken Opposition. Das ist auch ein Grund,
warum DIE LINKE so starken Zulauf bei den Wählerinnen und Wählern hat.
Weil sie wollen, dass das Nein zum Krieg, das Ja zur Gerechtigkeit und
sozialen Sicherheit eine starke Stimme im Bundestag hat. Weil sie genug
hatten von der Konsenssoße der anderen vier Parteien. Wir haben in den
letzten vier Jahren in der Opposition viel erreicht: Wir haben
Alternativen zum herrschenden Neoliberalismus aufgezeigt und wir haben
eine gerechte Gesellschaft wieder denkbar gemacht.
Wie können Sie als Abgeordnete dazu beitragen, dass die Bürgerinnen und Bürger selbst noch mehr für ihre Interessen streiten?
Ich arbeite intensiv mit sozialen Bewegungen und Gewerkschaften
zusammen, weil ich glaube, dass Veränderungen in diesem Land nicht im
Parlament, sondern auf der Straße erkämpft werden. Meine Aufgabe als
Abgeordnete ist es, für den Austausch zwischen parlamentarischer und
außerparlamentarischer Arbeit zu sorgen. Das heißt, als Abgeordnete an
der Seite der Bewegungen zu stehen und den Bewegungen auch im Parlament
eine Stimme zu geben.