03.02.2009
Offenbarungseid in Davos
„Die Welt nach der Krise gestalten“ – schon der Titel des diesjährigen
Weltwirtschaftsforums zeugte von unglaublicher Ignoranz. Schließlich
musste die versammelte Korona aus Management und Politik im Verlaufe
der vier Tage eingestehen, dass sie keine Ahnung hätten, ob die
Talsohle der Krise überhaupt schon erreicht sei. Geschweige denn, wie
die Krise überwunden werden kann.
Wie konnte es zu dieser tiefen Krise kommen, die immer mehr Staaten und
Sektoren mitreißt? Vom „Kollektivversagen“ war die Rede, also vom
Versagen des kleinen Konsumenten, der über seine Verhältnisse lebte bis
hin zum Kreditvermittler. Überhaupt trügen die Hauptschuld die Banker
und Finanzinvestoren, die dieses Jahr erkennbar mit Abwesenheit
glänzten.
„Haltet den Dieb!“ nach diesem Motto machen es sich die
Verantwortlichen aus der Wirtschaft doch zu einfach: Über Jahrzehnte
waren sie es, die nach freien Märkten gerufen haben und die
PolitikerInnen haben eilfertig Kontrollen abgebaut und den Weg zu
ungehemmten Profiten geebnet. Nur der Shareholder value zählte,
Renditeziele von 25% wurden ausgerufen. Wie diese Profite zustande
kamen war egal. Für das soziale Gewissen wurden ein paar
Wohltätigkeitsveranstaltungen organisiert und für die Umwelt ein paar
Sonntagsreden gehalten. Und dass die Profite auf Pump zustande kamen –
wen störte das, Hauptsache sie konnten verbucht werden, der Wert des
Unternehmens an der Börse stieg und die Vergütung des Managements
ebenso.
Von den Nutznießern dieses Systems ein Umdenken zu erwarten ist wohl
tatsächlich etwas zuviel verlangt. Wie zur Bestätigung wurde am Ende in
Davos wieder der Ruf nach Freihandel laut, also nach der weiteren
Liberalisierung und Deregulierung.
Wenn die Krise eines zeigt, dann dass die Gestaltung der Welt nicht
denjenigen überlassen werden darf, die sie verursacht haben. Der
Kapitalismus hat abgewirtschaftet. Es ist Zeit für eine neue
Regulierung der Wirtschaft und der Finanzmärkte. Der Staat darf nicht
nur dazu dienen, Verluste den Bürgerinnen und Bürgern aufzulasten und
Profite den privaten Unternehmen zuzuschustern. Davos war ernüchternd,
es lohnt sich ein Blick zum Weltsozialforum nach Belém. Von den 100.000
Menschen, die sich hier getroffen haben, gehen die Forderungen aus, für
Frieden und Gerechtigkeit, für den Erhalt des Planeten und für eine
neue Weltwirtschaftsordnung. Der erste größere Protest in Deutschland
wird am 28.3. unter dem Motto „Wir zahlen nicht für Eure Krise“ in
Berlin und Frankfurt stattfinden.
„Am deutschen Wesen…“? - Lieber nicht!
Den Vogel auf der internationalen Bühne schießt derzeit Frau Merkel ab,
die die „deutsche soziale Marktwirtschaft“ in die Welt tragen will.
Seit Jahren wird in unserem Land dereguliert und liberalisiert. Seit
Jahren werden die sozialen Standards – Errungenschaften aus vielen
Arbeitskämpfen – platt gemacht. Die Reallöhne sinken, die Menschen
haben Angst vor Arbeitslosigkeit und Armut durch Hartz IV. Vielleicht
hat Frau Merkel ja den Tatort am letzten Sonntag Abend gesehen. Da
hätte sie etwas über die Realität in Deutschland lernen können:
gnadenlose ausbeuterischen Arbeitsbedingungen in deutschen
Discounter-Läden und wer sich gewerkschaftlich organisieren will fliegt
raus.
Von Ulla Lötzer