www.linksfraktion.de/finanzkrise13.01.2009
Konjunkturpaket II – Neoliberale können in der Krise nicht gegensteuern!
Eine Lawine des wirtschaftlichen Abschwungs rollt seit Monaten nicht
nur über Deutschland hinweg: Sie hat nach dem Bankencrash als erstes
die Finanzierungsbedingungen der Unternehmen verschärft, sie hat
bereits die wichtigsten Exportmärkte einbrechen lassen und sie wird
sich über die Entlassung von Leiharbeitern, über eine Ausweitung der
Kurzarbeit auch auf die Kernbelegschaften ausbreiten. Das ist seit
Monaten abzusehen, aber noch immer ist von der Bundesregierung kein
einziger Euro geflossen, der die Realwirtschaft und zu allererst die
private Nachfrage im Inland wirklich stützen könnte.
Jetzt hat die Bundesregierung ihre
Vorschläge zur Bewältigung der Wirtschaftskrise
vorgelegt. Die beschämende Debatte im Vorfeld wie auch das Ergebnis
zeigen wohin die Reise gehen wird. Weder die realwirtschaftlichen
Horrordaten, noch der internationale Druck auf die Bundesregierung,
noch die einhellige Mahnung von Ökonomen deutlich und schnell auf die
Krise mit einer Steigerung der staatlichen Ausgaben zu reagieren hat
Wirkung gezeigt. Schlimmer noch ist aber, dass auch die Stimmen
derjenigen kein Gehör finden werden, die angesichts der Krise der
Automobilindustrie und des Bankensektors weiter reichende Forderungen
zum ökologischen Umbau der Industriegesellschaft und zur Stärkung eines
öffentlichen Bankensektors vorlegen.
Zu mickrig, zu spät:
Dass das Volumen des Gesamtpakets mit der vagen Vorgabe von 50 Mrd.
Euro in den nächsten 2 Jahren viel zu niedrig angesetzt ist, braucht
nicht weiter ausgeführt werden. Konjunkturwirksam sind davon nur die
Investitionen und die Sozialausgaben. Aber gerade hier wurde
geknausert. Nur 14 Mrd. Bundesmittel sind für Investitionen in den
nächsten 2 Jahren vorgesehen. 3 Mrd. kommen zusätzlich von den Ländern.
Wie das Geld schnell bei den Kommunen und vor allem bei den
Finanzschwachen ankommen soll, ist noch immer nicht geklärt. Direkte
Investitionshilfen des Bundes an die Kommunen sind immer noch verboten.
Die Forderung der Linken nach einer kommunalen Investitionspauschale,
die ohne Zweckbindung und ohne Eigenanteil besonders an klamme
Gemeinden vergeben werden sollte, wurde von der SPD aufgegriffen, ist
aber wie vieles andere dem Widerstand der CDU zum Opfer gefallen.
Keine Zukunftsorientierung erkennbar:
Völlig unklar bleibt auch, wohin die öffentlichen Investitionen fließen
sollen. Weder über eine ökologische Ausrichtung auf neue
Verkehrssysteme oder die Schiene wird diskutiert, noch wird die viel
beschworene Bildungsoffensive mit dem Konjunkturprogramm verknüpft,
wenn doch nur Schulgebäude energetisch saniert werden sollen. Welchen
zukunftsweisenden Beitrag die Abwrackprämie haben soll, kann noch nicht
mal der Umweltminister erklären und wer vor dem Verlust seines
Arbeitsplatzes Angst hat, kauft sich kein neues Auto – Prämie hin oder
her.
Soziale Schieflage: Die Erhöhung der
Regelsätze für 6-13jährige Kinder bringt reale Verbesserungen.
Gleichzeitig schreibt die Bundesregierung in der Begründung aber sehr
deutlich, dass damit für aus ihrer Sicht der gesamte Anpassungsbedarf
im Hartz IV-Bereich ausgeschöpft sei. Das ist ein sozialpolitischer
Skandal: Der Hartz-IV-Regelsatz für Erwachsene muss umgehend auf 435
Euro angehoben, die Regelsätze für alle Kinder und Jugendliche muss
ebenfalls erhöht werden. Das ist sozial gerecht und stützt direkt die
Konjunktur.
Von der vollmundigen Forderung der SPD nach einer
befristeten und minimalen Erhöhung des Spitzensteuersatzes ist nichts
übrig geblieben. Die Senkung des Krankenkassenbeitrags auch für
Arbeitgeber, die Anhebung des steuerfreien Grundbetrags und die die
Senkung des Eingangssteuersatzes sind in ihrer Nachfragewirkung äußert
begrenzt und werden erst in der zweiten Jahreshälfte konjunkturwirksam
werden. Viele Menschen, die gar keine Steuern zahlen, werden davon gar
nicht profitieren, einige Reiche und die Unternehmensseite aber schon.
Von einer paritätischen Finanzierung der Krankenversicherung sind wir
weiter weit entfernt.
Das Konjunkturpaket setzt damit auf
späte, indirekte Anreize und entlastet wie auch schon im Aufschwung
Großverdiener und Unternehmer in der falschen Hoffnung, dass dadurch
Konsum oder gar Arbeitsplätze geschaffen werden. Wenn nicht auch die
riesigen Vermögen höher besteuert werden und die Sozialleistungen
erhöht werden, wird sich an der Schieflage in der Republik nichts
ändern.
Schuldenbremse: finanzpolitische Selbstentmachtung
Die finanzpolitische Selbstentmachtung wird dann perfekt, wenn auch
noch eine Schuldenbremse gesetzlich verankert wird. So werden
zukünftige haushaltpolitische Spielräume eingeschränkt und als
Konsequenz Sozialkürzungen ins Grundgesetz geschrieben anstatt endlich
die Profiteure des finanzmarktgetriebene Kapitalismus angemessen an den
Krisenfolgen und auch den Zukunftsaufgaben zu beteiligen.
Der kastrierte Deutschlandfonds: Kein Instrument für eine zukunftssichere Industriepolitik
Von Rüttgers' Deutschlandsfonds ist nichts mehr übrig geblieben. Die
Ausweitung des Bürgschaftsrahmen auf große Unternehmen ist nur ein
Zeugnis für das Versagen der Bundesregierung, die Banken gesetzlich zur
Kreditvergabe zu verpflichten. Zum zweiten geht es in der Krise nicht
nur darum die Liquidität von „Unternehmen mit internationaler
Wettbewerbsfähigkeit und gesunden Geschäftsmodellen“ (CDU-Erfurter
Erklärung) zu sichern, sondern darum Einfluss auf die Geschäftspolitik
und den notwendigen sozialökologischen Strukturwandel der Industrie zu
bekommen. Wir stehen vor der Herausforderung, in bestimmten
Industriebranchen immense Überkapazitäten abzubauen und Investitionen
in wertschöpfungsintensive Qualitätsprodukte sowie energie- und
rohstoffeffiziente Produkte und Produktionsweisen zu lenken.
Liquiditätshilfen in Form von Bürgschaften reichen dazu nicht aus.
Die Gegenstrategie der Linken ist klar:
Die Bewältigung der Krise muss als erstes den Schutz der Schwächsten in
unserer Gesellschaft sichern. Jene, die vom Aufschwung der letzten
Jahre am wenigsten profitiert haben, dürfen nicht die ersten sein, die
durch Lohnkürzungen, Tarifflucht und Stellenabbau zur Kasse gebeten
werden. Deshalb wollen wir die
paritätische Mitbestimmung in allen wesentlichen wirtschaftlichen und sozialen Fragen in den Betrieben verankern und Entlassung von
Leiharbeitern nach Ende ihres Auftrages verbieten,
Kurzarbeit an Weiterbildung koppeln und den
Kündigungsschutz
verschärfen. Die Übernahme der Sozialversicherungsbeiträge der
Arbeitgeber bei Kurzarbeit reicht zur Beschäftigungssicherung nicht
aus. Freiwillige Beschäftigungsgarantien sind das Papier nicht wert auf
dem sie stehen.
Staatliche Hilfen für Unternehmen müssen
- wenn überhaupt - an Beschäftigungsbedingungen geknüpft sein. Zur
ausreichenden Kreditversorgung von Unternehmen müssen private Banken
gesetzlich verpflichtet und der öffentliche Bankensektor gestärkt
werden. Als Instrument für den sozialökologischen Strukturwandel der
Industrie sollten wir die Idee für einen
Staatsfonds für Industrieinnovation und Zukunftssicherung
weiterentwickeln. Dieser über eine Anleihe zu finanzierende
Zukunftsfonds soll zu einem demokratisch kontrollierten Instrument
günstiger öffentlicher Kredite und Subventionen, aber vor allem von
Beteiligungen ausgebaut werden. Dieser Fonds könnte dann investieren in
neue Verkehrssysteme, eine ökologische Energieversorgung oder die
Entwicklung ressourcenschonender Produkte. Statt weiter Dividenden
auszuschütten, sollen die Konzerne mit ihren Gewinnen der letzten Jahre
an den Kosten des Fonds beteiligt werden.
Staatshilfen und
Beschäftigungssicherung helfen aber alleine nicht: Der Staat muss einen
Teil der Nachfragelücke selbst schließen und die Menschen müssen wieder
mehr Geld in der Tasche haben. Deshalb fordern wir
ein Konjunkturprogramm in Höhe von 50 Milliarden
Euro. Es umfasst zielgerichtete öffentliche Investitionen in die
Schulsanierung, ökologische Verkehrssysteme und die Energiewende im
Umfang von 30 Milliarden Euro, weil diese direkt Arbeitsplätze
schaffen. Den privaten Konsum wollen wir durch eine sofortige Erhöhung
des Hartz IV-Regelsatzes auf 435 Euro und der Rente um 4 Prozent
stützen. Zu guter letzt: Wann wenn nicht jetzt ist die Zeit gekommen
für die Einführung eines
gesetzlichen Mindestlohnes in Höhe von
8,71 Euro. Das wäre, wie DGB-Chef Sommer vorgerechnet hat, ein
Kaufkraftschub von mindestens 13 Mrd. Euro, den alleine die Arbeitgeber
zu bezahlen hätten und das wäre im Paket ein wirksames Stemmen gegen
die Krise. Wenn dann noch die EU gemeinsam handeln würde und auch
Länder und Kommunen angemessen in einen Investitionspakt einbezogen
würden, könnte man hoffen, dass die Krise zumindest nicht auf dem
Rücken der Schwächsten ausgetragen wird.
Von Ulla Lötzersiehe auch:
Pressemitteilung von Ulla Lötzer und Herbert Schui