07.03.2008
Mitbestimmung statt Massenentlassungen
Für eine Renditesteigerung von 15% auf 20% schicken Konzernvorsitzende Menschen zu Tausenden in die Arbeitslosigkeit. Um dieses amoralische Handeln zu stoppen, müssen die Mitbestimmungsrechte gestärkt werden.
Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! „Wir alle zusammen müssen
Ethik und Verantwortung hochhalten. Wir sind Vorbilder“, erklärte der
Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Thumann, im
Spitzengespräch mit Frau Merkel. Vorbilder worin? Den Aktionären und
sich selbst die Taschen zu stopfen und Beschäftigte für 20 statt 15
Prozent Rendite auf die Straße zu setzen?
Nach Nokia vermeldet jetzt BMW einen Rekordgewinn und will 8 000
Arbeitsplätze abbauen. Henkel steigert seinen Gewinn von 1,3 auf 1,34
Milliarden Euro. Der Dank an die Beschäftigten: 3 000 Stellen werden
gestrichen, die Dividende erhöht. Siemens meldet einen Rekordgewinn von
4 Milliarden Euro und will 3 200 Stellen bei der Tochter SEN streichen.
Das ist keine Ethik, Kolleginnen und Kollegen, das ist eher der
Rückfall in den Raubtierkapitalismus des 19. Jahrhunderts.
(Beifall bei der LINKEN)
Die Konzernvorsitzenden schicken die Menschen in die Arbeitslosigkeit,
bedrohen sie mit Armut, zerstören ihre sozialen Beziehungen und
vernichten ihr langjährig erworbenes Wissen, und zwar weit über die
direkt betroffenen Beschäftigten hinaus. Die Angst vor dem
Arbeitsplatzverlust lähmt und macht Menschen erpressbar, zu jeder
Bedingung zu arbeiten. Jahrzehntelang prägte die Mittelschicht des
Facharbeiters oder Angestellten mit Durchschnittsverdiensten das Land.
Im Jahr 2000 gehörten noch 62 Prozent dazu, schon 2006 nur noch 54
Prozent. Wer früher als Vorarbeiter gut vom Lohn leben konnte, ist
heute arbeitslos oder Leiharbeiter und muss zum Lohn noch Hartz IV
beantragen. Seit 2000 wurden 5 Millionen Deutsche aus der Mitte an den
Armutsrand katapultiert – eine verheerende Entwicklung, die man endlich
stoppen und zähmen muss.
(Beifall bei der LINKEN)
Auch vonseiten der Regierung gibt es durchaus Kritik, ebenso von Ihnen,
Kolleginnen und Kollegen. Frau Merkel fordert mehr Managermoral, und
Arbeitsminister Scholz fordert die Manager auf, ihrer Verantwortung
gerecht zu werden. Gut so! Doch wie werden Sie in den
Regierungsfraktionen Ihrer Verantwortung in dieser Frage gerecht, von
der Regierung ganz zu schweigen? Kollege Wend, es freut mich, dass Sie
sich jetzt unserer Forderung angeschlossen haben, die Bezahlung von
Managern mit Aktienoptionen zu begrenzen.
(Dr. Rainer Wend [SPD]: Das mache ich immer gern, Frau Lötzer! –
Gegenruf der Abg. Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Sagen Sie das nicht
so laut!)
Ich hoffe, dieser Ankündigung folgen Taten. Wir werden Sie dann unterstützen.
Aber das reicht noch nicht. Die Ersten, die bei Nokia und BMW gehen
mussten, waren die Leiharbeiter. Es kann doch nicht sein, dass
Leiharbeiter zum wehrlosen Spielball für Massenentlassungen verkommen.
Deshalb muss die Leiharbeit selbst endlich wieder begrenzt werden.
(Beifall bei der LINKEN)
Seit langem fordern die Gewerkschaften eine echte Mitbestimmung in der
Beschäftigungssicherung. Sie, Kolleginnen und Kollegen der SPD und der
Grünen, haben diese Mitbestimmung bei der letzten Reform des
Betriebsverfassungsgesetzes abgelehnt. Auch da tragen Sie
Mitverantwortung. Das sollten Sie endlich korrigieren. Kündigungen
einzig und allein zur Renditesteigerung sollten von Ihnen nicht nur in
Sonntagsreden als sozial ungerechtfertigt gebrandmarkt werden. Stellen
Sie das vielmehr im Kündigungsschutzgesetz klar; dann haben die
Betroffenen eine Möglichkeit, sich zu wehren, und der Betriebsrat kann
sie dabei unterstützen.
(Beifall bei der LINKEN)
Das Gesetz schreibt vor, dass Betriebsrat und Unternehmensleitung
rechtzeitig und umfassend über einen Interessenausgleich verhandeln.
Allerdings handelt es sich hier nur um ein Beratungsrecht. Bei
Konflikten können Arbeitgeber ihre Auffassung durchsetzen. Wer an einem
Ausgleich kein Interesse hat, für den sind solche Beratungen nur noch
eine Farce, die, wie zum Beispiel bei Nokia, schon gar nicht mehr
durchgeführt werden. Wir brauchen in diesen Fragen ein echtes
Mitbestimmungsrecht, damit wieder von Ausgleich die Rede sein kann. Im
Aufsichtsrat muss sichergestellt werden, dass Entscheidungen, die
Belange der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer betreffen, nicht gegen
ihre Stimmen getroffen werden können. Das alles wären wichtige
Maßnahmen.
Es ist eine Sache, dann, wenn die Kameras laufen, die Solidarität mit
den Beschäftigten zu deklamieren. Das sieht gut aus, und den einen oder
anderen mag es trösten. Doch dafür sind Sie nicht gewählt. Sie sind
dafür gewählt, die Zustände, die die sozialen Grundlagen unserer
Gesellschaft zerstören, zu beseitigen. Handeln Sie endlich, damit uns
weitere Aktuelle Stunden zu diesem Thema erspart bleiben!
Ich danke für die Aufmerksamkeit.
(Beifall bei der LINKEN)