30.11.2007
Regierung der Hungerlöhne
In der Diskussion um den Wirtschaftshaushalt fordert Ulla Lötzer für DIE LINKE eine Wende in der Wirtschaftspolitik, die den Binnenmarkt stärkt, die Teilhabe der meisten Menschen am Aufschwung sichert und damit den Aufschwung gegen Risiken absichert.
Herr Präsident! Kolleginnen und Kollegen!
Herr Brüderle, die Zeiten des Feierns sind vorbei. Die
gesamtwirtschaftliche Entwicklung ist nicht frei von Risiken. Es ist
nicht zu übersehen, dass der Dollar fällt und Exporte teurer werden. Es
ist nicht zu übersehen, dass die Krise in den USA noch nicht
ausgestanden ist. Viele Käufe dort waren und sind Käufe auf Pump. Die
USA werden nicht länger Wachstumslokomotive des Weltmarktes sein, was
sie seit den 90er-Jahren waren. Die Preise für Güter des täglichen
Bedarfs und die Rohstoffpreise steigen. – So weit stimme ich mit Ihnen
überein; aber, keine Angst, bei den Maßnahmen hört es auf.
Herr Glos, Sie haben in dieser Woche in der Berliner Zeitung gesagt:
Wir haben in unserer Wachstumsprognose die Risiken berücksichtigt. Es
geht aber nicht darum, die richtige Prognose zu stellen. Sie sind nicht
der Buchhalter der Nation, sondern als Wirtschaftsminister gefragt.
(Beifall bei der LINKEN)
Es geht auch nicht darum, Schwarzmalerei zu betreiben und eine
Weltwirtschaftskrise an die Wand zu malen. Es geht um die simple Frage,
ob Sie die Zeit des Aufschwungs nutzen, um den Binnenmarkt jetzt oder
in Zukunft zu stärken und die Exportabhängigkeit zu reduzieren. Es geht
schlichtweg um die Frage: Sichern Sie die Konjunktur gegen Risiken ab?
Im Gegensatz zu Ihnen, Herr Rossmanith, muss ich diese Frage mit Nein
beantworten. Schauen wir uns Ihr gefeiertes strategisches Dreieck an.
Ein wichtiger Teil der Binnennachfrage sind die Investitionen. Der Kauf
von Maschinen und der Bau von Gebäuden nehmen beim Wirtschaftswachstum
eine Schlüsselstellung ein. Die verschiedenen Steuerreformen, die
Lohnzurückhaltung und die Senkung der Lohnnebenkosten sollten
Deutschland einen Investitionsboom bescheren. Doch davon ist die
deutsche Wirtschaft weit entfernt. Das sind die Ergebnisse einer
Analyse des Instituts für markroökonomische Forschung, die am Dienstag
veröffentlicht wurden. Trotz Aufschwungs und sprudelnder Gewinne fiel
der Anteil der Nettoinvestitionen seit 1991 von 11 auf 4 Prozent
zurück. Die USA und Großbritannien legten seit 1995 um 60 Prozent zu,
Frankreich um 40 Prozent. Deutschland legte im gleichen Zeitraum um nur
7 Prozent zu. Die Zunahme im Jahr 2007 ändert an diesen Verhältnissen
nichts. Sie preisen Ihr Zukunftsprogramm für öffentliche Investitionen,
obwohl Sie dabei erst recht eine schlechte Figur machen.
(Beifall bei der LINKEN)
1970 wurden noch fast 5 Prozent der Wertschöpfung für öffentliche
Investitionen ausgegeben. Auch mit der für 2008 vorgesehenen Steigerung
kommen Sie bei weitem nicht an diesen Wert heran. In den Folgejahren
werden Sie das erst recht nicht schaffen. Bis 2011 wollen Sie den
Anteil der öffentlichen Investitionen am Bruttoinlandsprodukt auf unter
1 Prozent senken. Nach wie vor ist Deutschland Schlusslicht. Das Geld
fehlt für die Daseinsvorsorge, für Infrastrukturmaßnahmen, im Bereich
Bildung und Forschung, für die Schaffung zukunftsfähiger Arbeitsplätze.
Die geplanten Steuermehreinnahmen fehlen. Geld fehlt auch für die
Sanierung des Haushalts. Deshalb fordern wir Sie zu einer Wende auf:
Schaffen Sie Zukunftsinvestitionsprogramme auf europäischem Niveau! Das
nutzt allen, auch dem sozialökologischen Umbau und der Wirtschaft.
(Beifall bei der LINKEN)
Durch eine Steigerung des privaten Konsums wird die Binnennachfrage
nicht gestärkt. Wie auch? Laut Ihrer Aussage haben angeblich 1 Million
Menschen keine Angst mehr vor Arbeitslosigkeit. Das ist eine
Luftnummer. Airbus-Chef Enders holte letzte Woche die Beschäftigten
zusammen und sagte, dass der Dollarverfall Airbus 100 Millionen Dollar
koste, das sei lebensbedrohlich. Ob mehr als die geplanten 10 000
Arbeitsplätze gestrichen werden sollen, sagte er noch nicht. – Die
Verlagerung von Arbeitsplätzen in den Dollarraum sei der sicherste Weg,
behaupten andere. Und Sie behaupten, die Menschen hätten keine Angst
mehr vor Arbeitslosigkeit? Ja, es gibt einen Zuwachs bei der
Beschäftigung. Er resultiert aber aus Leiharbeits- und befristeten
Beschäftigungsverhältnissen, die von Unsicherheit geprägt sind. Aber
Unsicherheit macht den Menschen Angst. Wenn Sie ihnen diese Angst
nehmen wollen, müssen Sie zumindest die Leiharbeit und die
Möglichkeiten befristeter Beschäftigung begrenzen.
(Beifall bei der LINKEN)
Die private Nachfrage ist nach wie vor von Konsumflaute geprägt. Trotz
Konjunktur und zusätzlicher Beschäftigung weist der Einzelhandel im
Vergleich zum Vorjahr ein Umsatzminus aus. Im Namen der
Wettbewerbsfähigkeit wurden die Reallöhne auf einen Tiefpunkt gesenkt.
In Frankreich erhalten Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter einen
Zuschlag von 10 Prozent als Risikoprämie. Hier verdienen sie 20 bis 50
Prozent weniger als Beschäftigte in der Stammbelegschaft. Durch die
Inflation haben Hartz-IV-Bezieher seit 2003 7,5 Prozent ihres
Einkommens eingebüßt. Das sind 26 Euro im Monat – angesichts dieser
Grundsicherung ist das ein großer Batzen –, die für Essen, für
lebensnotwendige Anschaffungen und für Weihnachtsgeschenke für die
Kinder fehlen. Ihre Verweigerung der Einführung von Mindestlöhnen für
alle, Kolleginnen und Kollegen der CDU/CSU, und Ihre Verweigerung der
Anhebung der Grundsicherung für Hartz-IV-Bezieher machen Sie zu einer
Regierung der Hungerlöhne und der Armut, nicht des Aufschwungs und der
Teilhabe.
(Beifall bei der LINKEN)
Es ist nicht nur eine Frage der Teilhabegerechtigkeit, auch eine
wirtschaftspolitische Wende zur Stärkung der Binnennachfrage macht die
Einführung von gesetzlichen Mindestlöhnen von mindestens 8,44 Euro und
eine Anhebung der Grundsicherung auf 435 Euro dringend notwendig. Sie
machen eine Wirtschaftspolitik, die nach wie vor darauf setzt, mit
anderen Ländern im Dumping zu konkurrieren, um ihnen Exportmarktanteile
abzujagen. Wir wollen eine Wende in der Wirtschaftspolitik, die den
Binnenmarkt stärkt, die Teilhabe der meisten Menschen am Aufschwung
sichert und damit den Aufschwung gegen Risiken absichert. Ich danke
Ihnen für die Aufmerksamkeit.
(Beifall bei der LINKEN)